DGSfeatured

Im Katholischen Kindergarten St. Elisabeth wird Inklusion einfach gelebt

image

Ich bin Anna, 2 Jahre alt, gehörlos und besuche den Regelkindergarten St. Elisabeth in Arnstadt. Das funktioniert sehr gut, denn alle akzeptieren mich so wie ich bin und bemühen sich, mit mir in meiner Sprache zu „sprechen“.

Anna benutzt zur Verständigung mit ihrer Umwelt die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Die Deutsche Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, Mimik, Kopf- und Körperhaltung. Sie beinhaltet eigene Idiome und auch einen eigenen Wortschatz. Sie ist die Muttersprache der gehörlosen Menschen und für die Identitätsbildung und geistige Entwicklung so wichtig, wie die Lautsprache für Hörende.

Im Kindergarten St. Elisabeth wird Inklusion einfach gelebt. Die Spiel- und Lernangebote werden von den Erzieherinnen für die hörenden Kinder lautsprachlich und für Anna in DGS angeboten, wodurch alle Kinder gemeinsam teilhaben können. Und für die hörenden Kinder ist die Zweisprachigkeit auch von Vorteil, sie lernen spielend eine zweite Sprache.

Anna geht sehr gern in den Kindergarten. Sie liebt es, gemeinsam mit ihren Freunden zu spielen, neue Dinge zu entdecken und mit Kindern und Erzieherinnen zu kommunizieren. Das klappt nur so gut, weil Kindergarten, Frühförderzentrum, Sozialamt, Gesundheitsamt, Jugendamt und wir Eltern frühzeitig zusammengearbeitet und ein Inklusionskonzept für Anna erarbeitet haben.

Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass wir von Schwester Lioba Kaiser, der Leiterin des katholischen Kindergartens, die freudige Botschaft bekamen: Anna wird aufgenommen. Das war nicht selbstverständlich, denn zuvor haben wir von anderen Kindergärten Absagen erhalten, mit der Begründung, diesen behinderungsbedingten Mehraufwand nicht leisten zu können.

St. Elisabeth hat sich nicht vor diesem „Mehraufwand“ gescheut und dafür sind wir unendlich dankbar! Alle Erzieherinnen besuchten und besuchen Gebärdensprachkurse und bilden sich stetig in dieser Sprache weiter. Alle Kinder können sich mit unserer Tochter verständigen und haben Gebärdennamen (In der Gebärdensprache werden die Namen von Personen bei seltener Verwendung buchstabiert, ansonsten wählt man einen individuellen Gebärdennamen, um die Personen schnell ansprechen oder benennen zu können). Zusätzlich werden visuelle Informationen angeboten. Und es wird respektvoll miteinander umgegangen.

Wir haben uns ganz bewusst für diesen inklusiven Weg entschieden und danken allen Erzieherinnen, Kindern und ihren Eltern dafür, dass sie diesen Weg ein Stück mitgehen und Anna damit ihren Weg in eine inklusive Gesellschaft ermöglichen.

Durch die Unterstützung von Gebärdensprachdozentin Katrin Koschollek, die selbst auch gehörlos ist, gelingt die Inklusion im Kindergarten reibungslos. Als „Kommunikationshelferin“ baut sie Sprachbarrieren ab und unterstützt bei der täglichen Kommunikation. Darüber hinaus hilft uns Katrin Koschollek als Frühförderin in der familiären Kommunikation und hat dadurch einen maßgeblichen Anteil an der altersgerechten sprachlichen Entwicklung Annas.

Katrin ist unsere „Brückenbauerin“ zwischen der Welt der Gehörlosen und der Welt der Hörenden. Sie bringt uns die Gebärdensprache bei, erklärt uns die Gehörlosenkultur und beschreibt uns, wie man seine Umwelt als gehörloser Mensch wahrnimmt. Ohne Katrin würden wir das alles nicht so gut meistern können, denn das Thema Gehörlosigkeit war auch für uns Eltern vor eineinhalb Jahren noch absolutes Neuland.

Damals, als wir die Diagnose „Auditorische Neuropathie“ bekamen, war für uns die Welt aus den Fugen geraten. Wie sollten wir mit Anna sprechen, ihr etwas beibringen, singen, tanzen, musizieren? Welchen Verlauf wird ihr Leben einmal nehmen? Als lautsprachlich geprägte Menschen standen wir völlig hilflos vor einem scheinbar riesigen Kommunikationsproblem.

Dank der leidenschaftlichen und zielgerichteten pädagogischen Arbeit von Katrin Koschollek, Ursula Schenk, Kristin Hofmann und ihren Kolleginnen des Erfurter Frühförderzentrums liegt dieses Kommunikationsproblem bereits hinter uns, denn Katrin baut für uns eine Brücke, über die wir stetig sicherer laufen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.